Blue Bird Festival 2013

14.11.2013

Ein furioser erster Abend beim Blue Bird Festival!
 
Seit Wochen war der erste Tag des Blue Bird Festivals ausverkauft –für diejenigen, die früh genug dran waren oder noch kurzfristig Karten bekommen konnten, hat es sich mehr als gelohnt!
Bereits der erste Act, die junge Österreicherin Kidcat Lo-fi (mit Band) spielte vor vollem Haus. Charmante, bewusst ungeschliffene Songs über die kleinen und großen Dinge des Lebens, vorgetragen mit einer Leichtigkeit, die sich umgehend als gute Stimmung auf das Publikum übertrug. Ein guter Anfang für einen langen Abend.
DAWA nutzten den Schwung, den Kidcat Lo-fi vorgegeben hatte, um so richtig Gas zu geben. Ihr treibender, melodischer Folkrock, getragen von den starken Stimmen von John Dawa und Barbara Wiesinger, machte sich perfekt auf der Bühne des Porgy & Bess und verbreitete Tanzstimmung im Zuschauerraum.
Locker hochgesteckte Haare, blütenweißes Kleid, dramatisches Makeup: die Amerikanerin Sara Jackson-Holman weiß trotz ihrer jungen Jahre, wie man sich inszeniert. Mit ihren melancholischen Songs am Klavier und ihrer ausdrucksstarken Stimme setzte sie einen ruhigen Kontrapunkt zum druckvollen Beginn mit den beiden österreichischen Acts. Das Blue Bird Festival war ihr erster Auftritt in Wien; wenn sie im März zum Springbreak im Haus der Musik wiederkommt, kann sie definitiv auf eine Fanbasis zählen.

Zuletzt, der Star des Abends, die Frau, der das Blue-Bird-Team jahrelang nachgelaufen ist, um sie auf das Festival zu bekommen – endlich hat es geklappt, und Amanda Palmer steht doch tatsächlich auf der Bühne des Porgy & Bess. Das potentiell elegante schwarz-weiß-gestreifte Kleid wird durch hohe schwarze Schnürstiefel punkifiziert, der Schriftzug auf dem Kurzweil-Keyboard wurde mit Lassoband zu „Kurt Weill“ umgedeutet. Später, nach vielen erfüllten Songwünschen, wird Amanda auch die „Seeräuber Jenny“ anstimmen. Selbst Menschen, die mit ihrer Musik auf Platte nicht viel anfangen können (solche soll es geben) können sich der Faszination eines Live-Auftritts von Amanda Palmer nicht entziehen: da wird geschwitzt und geschrien, gelacht und gescherzt, da werden Geschichten erzählt, alte Favoriten und brandneue Songs wechseln sich ab, Keyboard und Ukulele werden unbarmherzig gedroschen und das Makeup rinnt in schwarzen Strömen übers Gesicht.
 
Ihr Timing ist Präzisionsarbeit und kommt dennoch völlig mühelos rüber. Bei „Coin-operated Boy“ gibt es eine Dankeswidmung an Darbo, deren Abgeltung für die Verwendung des Songs in der Marmeladewerbung Amandas und Brian Vigliones (Drummer der Dresden Dolls) Gesundheitsversicherung abdecken, bei „Berlin“ erzählt sie über ihre Zeit als Stripperin. Jedes Mal, wenn man meint, beim nächsten Song müsste sie jetzt aber leiser treten, um ihre doch schon stark beanspruchte Stimme zu schonen, setzt sie noch eins drauf und noch eins und noch eins. Und was dabei vor allem rüberkommt, ist, wie viel Spaß sie am Performen hat, an der Kommunikation mit dem Publikum und an der Improvisation.
Bevor sie abgeht, versichert Amanda, dass sie natürlich noch eine Zugabe spielen wird; als sie wieder auf die Bühne kommt, hat sie Dawa, Kidcat Lo-fi und Sara Jackson-Holman sowie Festivalorganisator Klaus Totzler dabei, und gemeinsam singen sie „Walk on the Wild Side“ als Tribut an den kürzlich verstorbenen Lou Reed. Ein perfekter Abschluss für das letzte Konzert, das Amanda Palmer über längere Zeit geben wird. Ein Buch ist fürs nächste Jahr geplant.
Nach dem Konzert wird die Blue-Bird-Torte angeschnitten und unter die Zuschauer gebracht, und wer dann noch nicht vollkommen geschafft ist (es ist immerhin nach 2 Uhr) der holt sich noch ein Autogramm und eine Umarmung von Amanda Palmer am Merchandising-Stand.

15.11.2013

Tag 2 beim Blue Bird Festival: volles Haus und gute Stimmung

Der Brite Paul Armfield eröffnete den zweiten Abend des Blue Bird Festivals mit einem ruhigen, melodischen Set. Der Zwei-Meter-Mann mit der sanften Stimme konnte sich mühelos die Aufmerksamkeit der Zuhörer sichern. Während des letzten Songs, dem Titeltrack seines Albums „Up-here“, verließ Paul Armfield mit Band die Bühne und stieg in den Zuschauerraum hinunter und dann auf die Galerie hinauf, wo er – up there – das Konzert mitten im Publikum beendete. Danach ging’s noch zum Plaudern und Autogramme geben zum CD-Stand. Man kann davon ausgehen, dass viele Autogramme für viele neue Fans gegeben werden mussten.

Der zweite Act des Abends hatte einen schweren Stand – ist er doch erst vor ein paar Tagen für die kurzfristig ausgefallene Rae Morris eingesprungen, dazu stand er allein und ohne Unterstützung einer Band auf der Bühne: Matt Boroff hatte die Situation aber souverän im Griff, der in Vorarlberg lebende Amerikaner ist ja auch ein alter Hase im Showbusiness. Immer wieder wird seine Musik als cineastisch bezeichnet, und auch im Porgy & Bess verbreitete sich Roadmovie-Feeling, eine Sehnsucht nach dem Wegfahren ohne Ankommen, als Matt Boroff den Blues auspackte und seinen eigenen Film mit dem Publikum teilte.
Einen alten Bekannten durften wir als nächstes begrüßen – einen alten Bekannten, der sich ständig etwas Neues einfallen lässt und diesmal auch gleich acht MitmusikerInnen mitgebracht hatte, um seine Vision umzusetzen. Sofa Surfer Wolfgang Schlögl aka I-Wolf brachte mit seinen Chainreactions beim Blue Bird sein akustisches Album „Skull + Bones“ zur Uraufführung, und es war eine glorreiche Premiere: eine soulig-rockige Druckwelle, die durch den Saal rollte und alle Anwesenden einsog und benommen und glücklich wieder ausspuckte.

Beim Abschlussact des Abends kam dann Popstimmung auf; in rotem Rüschenhemd und mit Tirolerhut kam Adam Green unter „Adaaaam!“-Rufen auf die Bühne geschlendert. Die Instrumentalbegleitung überließ er vorerst seinem Gitarristen Francesco; sein Set begann er mit „Bluebirds“ aus dem Album „Friends of Mine“. Tänzelnd und mit den Fans scherzend spielte er sich durch alte und neue Hits. Nach dem Konzert kam er zurück auf die Bühne und half, die Blue-Bird-Torte an die Zuschauer zu verteilen.

16.11.2013

Das war das Blue Bird Festival 2013: würdiger Abschluss mit Edwyn Collins

Es gibt so einen Act bei jedem Blue Bird Festival: er geht in der allgemeinen Wahrnehmung im Vorfeld ein wenig unter, weil sich alle auf die bekannteren Bands freuen – und entpuppt sich dann als die Entdeckung des Abends. Dieser Act war für viele diesmal die britische Truppe A Band of Buriers um Frontmann James P Honey mit ihrem eindringlichen Anti-Rap Alternative Folk. Düsterer Sprechgesang à la Leonard Cohen, dazu ein leise wehklagendes Cello: Gänsehautmusik.

Die junge Schottin Rachel Sermanni, gerade auf Tour mit Edwyn Collins, betritt die Bühne des Porgy & Bess in einem langen roten Rock, unbeschuht und mit umgehängter Gitarre. Ihre mädchenhafte Erscheinung trügt zwar nicht unbedingt, singt sie doch mit sanfter Stimme liebliche Lieder, doch wie man aus englischen Sagen weiß, lauern in den Feenwäldern mitunter ungeahnte Gefahren. Rachel Sermannis mal zarte, mal dunkle Stimme nimmt einen mit in eine zauberhafte, trügerische Welt, von der man nicht so recht weiß, ob sie einem wohlgesinnt ist – und die trotzdem eine unbeschreibliche Anziehungskraft ausübt.

Etwas krachiger geht es hernach bei Paper Beat Scissors zu. Fagott, Tuba und Geige gesellen sich zu Keyboards, Gitarre und Schlagzeug. Sänger und Songwriter Tim Crabtree und seine Band machen Folkrock im besten Sinne des Wortes, energetisch und intensiv; Crabtrees mal sanfte, mal raue Stimme klingt wehmütig und berührend.

Julia A. Noacks neues Album wurde vom Wiener Alexander Nefzger produziert, der u.a. schon für Clara Luzia tätig war. Ein wenig hört man die musikalische Verwandtschaft der beiden Acts, doch klingt Noack weniger zerbrechlich als die Österreicherin, näher am Blues. Live entfaltet Noacks Band eine ziemliche Kraft, es wird noch einmal recht laut im Porgy & Bess, bevor der letzte Act des Abends – und des Festivals – die Bühne betritt.

Langsam und vorsichtig kommt er dann auf die Bühne, der Mann, wegen dem die meisten Besucher heute da sind: Edwyn Collins ist zwar als Folge seiner Schlaganfälle in seinen Bewegungen beeinträchtigt, seine Stimme besitzt aber dieselbe Kraft und Eigenwilligkeit wie früher. Flankiert von zwei hervorragenden Gitarristen sitzt er ganz vorne in der Mitte der Bühne und hat sichtlich Freude an der Show; seine Frau Grace Maxwell passt im Hintergrund auf, dass ihm das Ganze nicht zu viel wird, stimmt aber einer Zugabe – und dann einer zweiten – nach kurzer Rücksprache mit ihrem Mann zu. Sowohl der Überhit „A Girl Like You“ als auch der Orange-Juice-Hadern „Rip It Up“ werden gespielt (letzterer sogar zweimal), der Meister fühlt sich wohl auf der Bühne, das Publikum ist begeistert. Aber auch solche Konzertabende müssen einmal enden. Zum Abschluss kommt das Blue-Bird-Team auf die Bühne und verteilt gemeinsam mit den Musikern die traditionelle Torte ans Publikum. Drei wunderschöne Tage sind zu Ende gegangen, alle sind todmüde, aber glücklich.

Nächstes Jahr: 10 Jahre Blue Bird – das Jubiläum!

 

BLUE BIRD FESTIVAL 2013

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Fotos (c) hanna pribitzer